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„Bei den meisten Elektroautos in den Niederlanden handelt es sich um geleaste Firmenwagen”

Interview mit Bert Klerk, Vorsitzender des Formula E-Team, über den niederländischen Markt für E-Mobilität

 

Herr Klerk, die Niederlande hatten die Absicht formuliert, dass es sich 2020 bei jeder zehnten Neuzulassung um ein Elektroauto handeln soll. Werden Sie das Ziel erreichen?

Der Marktanteil von Elektro-Pkws betrug von Januar bis Oktober 2019 10,1 Prozent. Bei 8,9 Prozent handelte es sich um Batteriefahrzeuge und bei 1,2 Prozent um Plug-in-Hybrid-Pkws. Basierend auf einer Studie zum Nationalen Klimaschutzabkommen (National Climate Agreement) wird der Marktanteil jedoch voraussichtlich bis 2020 auf neun Prozent sinken.

 

Warum gehen Sie von einem Rückgang aus?

Der Marktanteil von neun Prozent wird auf Basis eines Szenarios berechnet. Reelle Zahlen können natürlich abweichen. Ein wichtiger Parameter, der zu einem Rückgang führen kann, ist ein Rückgang der reduzierten Steuer auf Firmenwagen. Bei den meisten Elektroautos in den Niederlanden handelt es sich um geleaste Fahrzeuge. Für emissionsfreie Firmenfahrzeuge wird ein reduzierter Steuersatz angewendet. Im Jahr 2019 beträgt er vier Prozent. Im nächsten Jahr wird er bei acht Prozent liegen. Er wird 2021 auf zwölf Prozent und 2022 auf 16 Prozent steigen. Bei emissionsfreien Firmenfahrzeugen wird der ermäßigte Zusatzsteuersatz derzeit über maximal 50.000 Euro des Katalogpreises angewendet. Dieser Höchstbetrag wird bis 2020 auf 45.000 Euro sinken und anschließend bis 2021 weiter auf 40.000 Euro. Die Anreize des Nationalen Klimaabkommens wurden kurz vor dem Sommer angekündigt. Viele Leute haben deshalb versucht, ein Leasingfahrzeug in diesem Jahr registrieren zu lassen.

 

Was motiviert die Niederländer vor allem, sich ein Elektrofahrzeug zu kaufen?

Laut einer Verbraucheruntersuchung des Royal Dutch Touring Club nennen die niederländischen Verbraucher den Umweltnutzen als bei weitem den wichtigsten Grund für den Kauf eines Elektroautos. Acht von zehn Interessenten sehen das so. Weitere genannte Vorteile sind die finanzielle Attraktivität eines Elektroautos, seine angenehmen Fahrbedingungen und die kostengünstige Nutzung.  

 

Welcher besondere Trend zeichnet den niederländischen Markt für Elektromobilität aus?

Der Marktanteil der E-Mobilität steigt rapide an, während der Marktanteil der Plug-in-Hybrid-Pkws seit 2017 sinkt. Auch die Lösungen für Lkws sind derzeit meist vollelektrisch. Wir haben mehrere Projekte zur Erprobung von Elektrostaplern. Bereits mehr als zehn Prozent der niederländischen Busse im öffentlichen Verkehr fahren elektrisch. Darüber hinaus verfügen die Niederlande über ein dichtes Netz von Lademöglichkeiten und wir sind immer noch das einzige Land der Welt, in dem alle Ladevorgänge kompatibel sind.

 

Wie sieht der weitere Fahrplan für die E-Mobilität in den Niederlanden aus?

Ziel der Regierung ist es, dass alle neuen PKW bis spätestens 2030 emissionsfrei sind. Zu den Lösungen gehören Brennstoffzellen- und Batterieautos. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass die Mobilität bezahlbar bleibt und die Lasten des Übergangs gerecht verteilt werden, damit alle niederländischen Bürger den Übergang zur emissionsfreien Mobilität vollziehen können. Im Nationalen Klimaabkommen haben sich Regierung, Automobilindustrie und Interessengruppen auf ein Anreizpaket geeinigt. Dazu gehören ein Zuschuss beim Kauf von Neu- und Gebrauchtwagen, die Beibehaltung von Steuervorteilen für Elektroautos, ein Batteriegarantieprogramm und emissionsfreie Umweltzonen in den Innenstädten. Auch die Erforschung eines Pay-as-you-go-Systems wurde angekündigt. Darüber hinaus wurde im Rahmen des Nationalen Klimaabkommens zusammen mit allen relevanten Interessengruppen eine Nationale Agenda zur Ladeinfrastruktur entwickelt, um sicherzustellen, dass sie aufgrund fehlender Ladepunkte nicht zu einem Hindernis für die Entwicklung der E-Mobilität wird.

 

Die Niederlande verfügt neben Norwegen über das dichteste Netz an Ladepunkten in Europa. Wie hat man das geschafft und wer hat vor allem investiert?

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren sind Kooperation, Wissensentwicklung und regionale Verankerung. Die niederländische Regierung arbeitet über Partnerschaften, bei denen sie die Politik in Absprache mit Zivilorganisationen und lokalen Regierungen entwickelt. Dies gilt auch für die Elektromobilität. In den Niederlanden existiert seit 2010 das Formula E-Team als Public-Private-Partnership. Es hat den Grundstein für verschiedene freiwillige Vereinbarungen gelegt, den so genannten Green Deals, die den Ausbau der E-Mobilität beschleunigen. Einer davon war ein Green Deal über die öffentliche Ladeinfrastruktur. In diesem Green Deal war ein finanzieller Beitrag des Staates zum Aufbau von Ladepunkten vereinbart – vorausgesetzt, dass sich Regierung, Kommunen und Marktparteien gleichermaßen beteiligen. Die öffentlichen Investitionen betrugen hier 7,2 Millionen Euro. Im Rahmen dieses Green Deals wurde auch die niederländische Wissensplattform zur öffentlichen Ladeinfrastruktur (Netherlands Knowledge Platform on Public Charging Infrastructure) gegründet. Ihr Ziel ist es, die Kosten zu senken und Innovationen zu fördern. Dadurch haben sich die Kosten seit 2013 deutlich reduziert.

 

Sie haben Marktparteien als Kooperationspartner beim Aufbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur genannt.

Ja, die niederländischen Netzbetreiber haben 2009 ElaadNL gegründet, ein Wissens- und Innovationszentrum für intelligente Ladeinfrastrukturen. Durch ihr Engagement über ElaadNL bereiten sich die Netzbetreiber auf eine Zukunft mit Elektromobilität und auf eine nachhaltige Ladeversorgung vor.

 

Was ist mit den Gemeinden?

Von Anfang an haben Regionalregierungen, Provinzen und Gemeinden eine wichtige Rolle bei der Realisierung von Ladeinfrastrukturen gespielt. Im Laufe der Zeit haben sich immer mehr Kooperationen entwickelt, zum Beispiel gemeinsame Ausschreibungen von Ladeinfrastrukturen und Wissensaustausch. In den vergangenen Jahren haben die Provinzen zusammen mit den Gemeinden große Ausschreibungen durchgeführt. Kommunen entscheiden sich oft dafür, die Installation von Ladestationen in Verbindung mit der Anzahl der Elektroautos in einem Bezirk zu beschleunigen. Der Aufbau und der Betrieb von öffentlichen Ladestationen erfolgt nun zunehmend ohne zusätzliche staatliche Investitionen. Die ersten niederländischen Ladestationen wurden vor allem an prominenten Standorten wie Supermärkten, Parkhäusern und Einkaufszentren errichtet. Diese Vorgehensweise wurde schrittweise dahin umgestellt, die Ladestationen entsprechend der Wünsche der Nutzer zu installieren. Wenn jemand ein Elektroauto kauft, aber keinen eigenen Parkplatz besitzt, dann kann er einen Antrag zur Errichtung einer öffentlichen Ladestation in seiner Nähe stellen, ohne dass er dafür aufkommen muss. Zunehmend werden auch Daten genutzt, um die Ladeinfrastruktur auf der Grundlage von Vorhersagen darüber aufzubauen, wo Elektroautos in Zukunft aufgeladen werden. Ein weiteres wichtiges Element ist die Tatsache, dass es seit 2011 in den Niederlanden möglich ist, an jeder öffentlichen Ladestation mit jeder Zahlungsmethode zu laden. Offene Standards und Protokolle fördern Innovationen und bieten viele Geschäftsmöglichkeiten.

 

 

Welche Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft stellen Sie durch das Wachstum der E-Mobilität fest?

Im Jahr 2018 betrug das Produktionsvolumen im niederländischen E-Mobilitätsmarkt mehr als 1,3 Milliarden Euro, ein Plus von 44 Prozent gegenüber 2016. Im Jahr 2018 stellte die Branche 4.290 Arbeitsplätze zur Verfügung. Die Gesamtwertschöpfung des niederländischen E-Mobilitätsmarktes beträgt 420 Millionen Euro und sie steigt rasant an.

 

Wie weit wird die Elektromobilität in den Niederlanden in zehn Jahren fortgeschritten sein?

In den nächsten zehn Jahren soll die Mobilität sauberer und intelligenter werden. Elektro-Pkws werden um 2025 wettbewerbsfähig sein. Die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge wird weiter ausgebaut. Die intelligente Ladung wird zum Standard für Elektrofahrzeuge und damit zum Bestandteil des Stromnetzes. Die Zahl elektrifizierter Lieferfahrzeuge, Busse im öffentlichen Nahverkehr und leichter Lastkraftwagen wird rasant zunehmen. Im Schwerlastverkehr kommen immer mehr elektrische Alternativen zur Anwendung. In der Zwischenzeit wird der Schwerlastverkehr nachhaltige und synthetische Biokraftstoffe, Biokerosin und verflüssigtem Biomethan als Übergang zu emissionsfreien Energieträgern einsetzen. Städtische Umweltzonen werden ebenso entstehen wie es eine Bündelung der Verkehrsströme in städtische Regionen und innerhalb der Zentren durch Supply Chain Management und innovative Logistiksysteme geben wird.

 

Die Mobilitätsziele bis 2030 in den Niederlanden lauten:

  • 100 Prozent emissionsfreier Anteil bei Pkw-Käufen bis 2030
  • 100 Prozent emissionsfreier öffentlicher Verkehr bis 2030
  • 100 Prozent emissionsfreie Reinigungsfahrzeuge bis 2030
  • 100 Prozent emissionsfreier Transport bis 2025 in 32 Gemeinden
  • Null-Emissionszonen Nutzfahrzeuge bis 2025 in den 30 bis 40 größten Gemeinden

Das Nationale Klimaabkommen enthält separate Ziele für die Erzeugung von CO2-freiem Strom, indem es die bestehenden fossilen Stromquellen durch erneuerbare Energien ersetzt.

 

Die in einer Studie berechnete Anzahl an Fahrzeugen und Ladepunkten im Jahr 2030 beläuft sich auf:

  • 1,9 Millionen batteriebetriebene Elektro-Pkw
  • 300.000 Brennstoffzellen-Fahrzeuge
  • 1,7 Millionen Ladepunkte (alle Arten eingeschlossen)
  • 5.000 emissionsfreie Busse für den öffentlichen Nahverkehr
  • 115.000 Elektro-Lieferfahrzeuge
  • 10.000 Batterie- oder Brennstoffzellen-Stapler