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„Es werden schrittweise Anreize für den Kauf von Elektrofahrzeugen gegeben“

Interview mit Petter Haugneland, stellvertretender Generalsekretär des norwegischen Elektroauto-Verbands Norsk Elbilforening, über den norwegischen Markt für E-Mobilität

 

Jedes zweite in Norwegen zugelassene Auto wird mit Strom betrieben. Aus welchen Gründen ist der Umstieg auf E-Mobilität in Ihrem Land so erfolgreich?

Fast jedes zweite verkaufte Auto wird mit Strom betrieben – bislang also 44 % der Fahrzeuge in 2019. Der Grund hierfür ist, dass der Kauf eines Elektroautos aufgrund der hohen Haltungskosten eines normalen Autos attraktiver ist, da normale Autos in Norwegen auf Grundlage ihrer Emissionen und ihres Gewichts hoch besteuert werden. Bezüglich des Preises kann ein Elektroauto daher mehr oder weniger mithalten, da es von Steuern befreit ist. Um den Übergang zu beschleunigen, wurden seit Anfang der 90er Jahre von verschiedenen Regierungen und breiten Koalitionen schrittweise Anreize für den Kauf von Elektrofahrzeugen gegeben. Die norwegische Erfolgsgeschichte ist in erster Linie auf umfangreiche Anreize zurückzuführen, die entwickelt wurden, um emissionsfreie Fahrzeuge auf den Markt zu bringen.

 

Aus welchen Gründen kaufen Menschen ein Elektroauto?

Eine Umfrage unter knapp 80.000 unserer Mitglieder bezüglich der Entscheidung zum Kauf eines Elektrofahrzeugs ergab, dass für 77 % beim Kauf die niedrigen Haltungskosten entscheidend sind, 62 % wissen keine/ermäßigte Mautgebühren zu schätzen und 60 % entscheiden sich aufgrund der Umweltfreundlichkeit für den Kauf.

 

Spielt die kurze Reichweite von Elektroautos für die Norweger bei der Kaufentscheidung keine Rolle?

Autos mit großer Reichweite sind für norwegische Verbraucher wichtig, besonders wenn es das einzige Auto in ihrem Haushalt ist. 2019 war das meistverkaufte Elektroauto der Tesla Model 3. 2020 werden 20 bis 30 neue Modelle mit großer Reichweite und kostengünstigeren Preisen auf den Markt kommen.

 

Werden Elektroautos eher an öffentlichen Ladestationen oder zu Hause geladen und welche Gründe gibt es dafür jeweils?

Besitzer eines Elektrofahrzeugs laden dieses hauptsächlich zu Hause, da dies die günstigste Variante ist. Zu Hause wird das Auto von fast jedem täglich oder wöchentlich geladen. Öffentliche Ladestationen, sowohl normale als auch Schnellladestationen, werden hauptsächlich wöchentlich oder monatlich genutzt. Laut unserer in diesem Jahr durchgeführten Umfrage unter norwegischen Elektroauto-Besitzern haben 80 % Zugang zu Lademöglichkeiten im eigenen Zuhause und 14 % teilen sich eine Ladestation mit anderen.

 

In Norwegen gibt es für die Nutzung von Elektrofahrzeugen einige Vergünstigungen. Welche staatlichen Maßnahmen haben sich als besonders wirksam erwiesen?

Der wohl wichtigste Anreiz beim Kauf oder Leasing eines Elektrofahrzeugs ist der, dass sowohl die Erwerbs- als auch die Mehrwertsteuer entfällt. Wenn Sie ein Elektrofahrzeug besitzen, zahlen Sie keine jährliche Kraftfahrzeugsteuer, und wenn Sie mit Ihrem Elektrofahrzeug unterwegs sind, zahlen Sie maximal die Hälfte des Preises für Mautstraßen, Fähren und öffentliche Parkplätze. Als Besitzer eines Elektrofahrzeugs können Sie außerdem auch auf Busspuren fahren.

 

Inwiefern hat sich der starke Anstieg der Zahl an Elektrofahrzeugen auf die Stromversorgung ausgewirkt?

Selbst wenn alle Personenwagen in Norwegen Elektroautos wären, würdendiese nur 5 bis 6 % des mit Hilfe von Wasserkraft erzeugten Stroms verbrauchen. Das Stromnetz muss aus mehreren Gründen verstärkt werden. Elektrofahrzeuge könnten dabei nützlich sein, indem sie Energie speichern, wenn der Bedarf gering ist, und das Netz während Spitzenzeiten mit Strom versorgen.

Zu den in Norwegen eingeführten Anreizen zur Förderung von emissionsfreien Fahrzeugen auf dem Markt gehören:

  • Keine Erwerbs- und Einfuhrsteuern (seit 1990)
  • Keine jährliche Kraftfahrzeugsteuer (seit 1996)
  • Keine Gebühren auf Mautstraßen oder Fähren (1997 – 2017)
  • Befreiung von der Mehrwertsteuer (25 %) beim Kauf (seit 2001)
  • Zugang zu Busspuren (seit 2005). Durch neue Regelungen ist es den örtlichen Behörden gestattet, den Zugang zu Busspuren auf Elektrofahrzeuge zu beschränken, die einen oder mehrere Fahrgäste befördern (2016)
  • Befreiung von der Mehrwertsteuer (25 %) beim Leasing (seit 2015)
  • Steuerlicher Ausgleich für die Verschrottung von mit fossilen Brennstoffen betriebenen Fahrzeugen bei der Umstellung auf emissionsfreie Fahrzeuge (seit 2018)
  • Stellenweise Einführung von Parkgebühren für Elektrofahrzeuge mit einer Obergrenze von maximal 50 % der ursprünglichen Gebühren (seit 2018)
  • Steuerermäßigung für Firmenfahrzeuge auf 40 % gesenkt (seit 2018)
  • Maximal 50 % des Gesamtbetrags der Fährkosten für Elektrofahrzeuge (seit 2018)
  • Maximal 50 % des Gesamtbetrags der Mautgebühren für Elektrofahrzeuge (seit 2019)