Dunkelflaute – ein reales Risiko oder nur politisches Schreckgespenst? Carsten Pfeiffer, politischer Leiter des bne, erklärt, warum Versorgungslücken kein Grund zur Sorge sind.
Er beantwortet die Frage, wie sich Dunkelflauten überbrücken lassen und warum die Energiewende unsere Stromversorgung sogar widerstandsfähiger und günstiger macht.
Herr Pfeiffer, Sie sind politischer Leiter des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (bne). Warum beschäftigen Sie und der bne sich so intensiv mit der Frage, wie wir sicher durch die Dunkelflaute kommen?
Weil Dunkelflauten zum Lieblingsschreckgespenst der Energiewende Skeptiker geworden sind. Da werden zum Beispiel Ängste vor einem Black-Out geschürt oder absurde Rechenbeispiele in die Welt gesetzt, was denn eine Batterie für zwei Wochen Vollversorgung angeblich kosten würde. Das klare Ziel: Zweifel säen und das Vertrauen in die Erneuerbaren und die Energiewende zu untergraben. Denn natürlich muss niemand eine Versorgungslücke fürchten.
Unsere Aufgabe als Verband ist es also, dem eine ehrliche, verständliche Erzählung entgegenzusetzen: Dunkelflauten sind völlig normale Wetterphasen und sie sind technisch gut beherrschbar, wenn man das System mit all seinen Bausteinen denkt. Um das zu tun, haben wir sogar ein Onlineportal geschaltet: „Sicher durch die Dunkelflaute“ und aus demselben Grund zeigt The smarter E Europe dieses Jahr eine Sonderschau zum Thema Renewables 24/7.
Das heißt, wir reden über ein bekanntes Phänomen und nicht über ein neues Risiko?
Genau, tatsächlich reduzieren wir in Summe sogar Risiken. Dunkelflauten selbst gab es schon immer – lange bevor wir über Energiewende gesprochen haben. Früher hat sich nur kaum jemand dafür interessiert, weil das System auf dem dauerhaften Verbrennen fossiler Energieträger basierte. Die eigentliche Sorge galt damals – und gilt in Teilen bis heute – der Versorgung mit eben diesen Brennstoffen. Man denke an die Ölkrise der achtziger Jahre oder aktuell an geopolitische Konflikte wie den Krieg in der Ukraine oder die Blockade der Öl- und LNG-Tanker in der Straße von Hormus.
Heute gestalten wir das System bewusst um – aus klimapolitischen Gründen, aber eben auch, weil erneuerbare Energien heute die günstigste und sicherste Form der Stromerzeugung sind. Entscheidend ist: Technisch ist die Herausforderung lösbar – mit den Mitteln, die wir heute schon haben. Das sind neben Speichern und weiteren Flexibilitäten weiterhin Motoren und Turbinen. Letztere werden heute noch weitgehend mit Kohle und Erdgas befeuert. Das wird sich im Laufe der Zeit immer mehr Richtung grüner Brennstoffe verändern.
Werden wir konkret: Wenn Wind- und Solaranlagen gleichzeitig wenig liefern – was passiert dann im Stromsystem?
Dann zeigt sich, wie wichtig das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente ist. Über weite Teile des Jahres tragen Wind und Solar die Versorgung direkt. In diesen Zeiten produzieren wir zeitweise sogar mehr Strom als benötigt wird. Wir können ihn dann in Batterien speichern oder auch in chemischer Form als Wasserstoff oder z.B. Biomethan.
In den Stunden, in denen das nicht ausreicht, greifen mehrere Mechanismen gleichzeitig, die sich am Strommarkt koordinieren: Kurzfristspeicher gleichen Schwankungen und Residuallastspitzen aus, flexible Verbraucher passen ihren Stromverbrauch an, Strom wird über die europäischen Netze mit unseren Nachbarn ausgetauscht, und als letzte Absicherung stehen steuerbare Kraftwerke bereit. Die Kraftwerke verbrennen dann perspektivisch die erneuerbaren Brennstoffe, die in sonnigeren Stunden erzeugt wurden. Diese Art der Speicherung ist uns seit Jahrtausenden aus der Landwirtschaft bekannt. Das Korn wird im Herbst geerntet und über das ganze Jahr hin gespeichert, so dass wir täglich frisches Brot konsumieren können.
Batterien sind ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Debatten verzerrt oder missverstanden werden. Niemand behauptet heute ernsthaft, dass marktübliche Li-Ionen-Batterien allein eine mehrtägige Dunkelflaute überbrücken sollen. Dafür sind sie auch nicht gebaut. Ihre Stärke liegt woanders: im Kurzfristbereich. Sie verschieben in Dunkelflauten Strom von Stunden mit niedriger Residuallast in Stunden mit hoher Residuallast. Die Residuallast ist der Anteil am Stromverbrauch, den Wind- und Solarstrom gerade nicht decken können. Auf diese Weise stabilisieren die Batterien Frequenz und Spannung im Netz und reduzieren Lastspitzen.
Das klingt unspektakulär, ist aber systemisch enorm wichtig, denn im Tagesverlauf schwankt die benötigte Last um viele Gigawatt. Werden dann zum Beispiel 10 GW Residualspitzenlast abgedeckt, spart das den Bau von 20 großen Gaskraftwerken. Der Ausbau von Batteriespeichern schreitet marktgetrieben und ohne jegliche Subventionen auf allen Ebenen voran: Heimspeicher, E-Autos und Großspeicher. Gemeinsam können sie die Speicherlücke im deutschen Stromsystem schon bald schließen. Dabei können Speicher auch den Netzausbau reduzieren und so zusätzliches Geld einsparen. Zudem senken sie die Zeiten mit negativen Strompreisen.
Perspektivisch und mit neuen Technologien, z.B. Redox-Flow-Batterien, sind auch längere Speicherdauern möglich. Erste 100 Stunden Speicher werden in den USA bereits projektiert.
Ein weiterer Punkt, der oft kontrovers diskutiert wird, ist die Flexibilität der Nachfrage. Wie groß ist das Potenzial hier wirklich?
Das Potenzial ist erheblich und bislang bei weitem nicht ausgeschöpft. Historisch war der Stromverbrauch weitgehend unflexibel. Teilweise wird die Industrie sogar bis heute dafür belohnt, möglichst konstant Strom zu verbrauchen – Stichwort Bandlastprivileg –, weil auch die Kraftwerke entsprechend unflexibel waren. Diese überholten Anreize werden derzeit abgebaut und durch zeitgemäße Flexibilitätsanreize ersetzt.
Ein Blick ins Ausland zeigt, was möglich ist: In Schweden wird das Flexibilitätspotenzial der Industrie auf rund 30 Prozent geschätzt, in Großbritannien auf etwa 16 Prozent. In Deutschland ist man aufgrund vorhandener Fehlanreize weit davon entfernt.
Gleichzeitig kommen zunehmend flexible Verbraucher ins System – etwa Wärmepumpen oder Elektroautos. In Kombination mit dynamischen Stromtarifen kann der Verbrauch gezielt in Zeiten verschoben werden, in denen viel günstiger Strom aus erneuerbaren Energien verfügbar ist.
Der Vorwurf einer „Mangelwirtschaft“ bleibt plumper Populismus. Im Gegenteil: Es geht um das Kernprinzip der freien Marktwirtschaft – die effiziente Allokation knapper Ressourcen. Warum sollte man teures Gas verstromen, wenn ein Elektroauto auch zwei Stunden später geladen werden kann?
Ein flexibles Stromsystem kann man sich wie eine Tanzgruppe vorstellen, bei der viele Tänzerinnen und Tänzer miteinander harmonieren.
Eine sehr große. Versorgungssicherheit wird oft noch national gedacht, tatsächlich ist sie längst europäisch organisiert. Wetterlagen sind regional unterschiedlich – wenn es in Deutschland windstill ist, kann es in anderen Ländern durchaus anders aussehen. Der europäische Stromverbund ermöglicht es, solche Unterschiede kostengünstig auszugleichen. Das erhöht die Effizienz und senkt die Kosten. Deshalb ist es wichtig, diesen Markt durch neue Kuppelstellen weiter zu stärken.
In diesem Zusammenhang werden Stromimporte gern als etwas Schlechtes dargestellt. Das sind sie nicht, denn die Stromverbraucher profitieren von günstigem Strom, der so in Deutschland nicht zur gleichen Zeit hergestellt werden könnte. Im Übrigen reden wir beim Importsaldo von etwa zwei Prozent. Die fossilen Energieträger werden hingegen zu 98 Prozent importiert. Das scheint kaum jemanden zu stören. Überraschend, oder?
Jedes System hat Kosten. Entscheidend ist der Kostenvergleich und hier wären alternative Ansätze deutlich teurer. Dies gilt insbesondere für den Neubau von Kernkraftwerken, was wir gut in Ländern wie Frankreich und Großbritannien beobachten können, wo die Kosten total aus dem Ruder laufen.
Die Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie ist sehr kostengünstig. Gleiches gilt für Kurzzeitspeicher und weitere Flexibilitäten. Relativ teuer sind dann die Stromerzeugungszeiten in den Dunkelflauten. Aber auch hier müssen keine teuren Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke (GuD-Kraftwerke) vorgehalten werden. Es reichen relativ günstige Motoren und Turbinen. Wir haben damit eine Kombination eines Systems, das den Großteil des Jahres sehr günstig Strom erzeugt und in wenigen Wochen relativ teuer. Das ist in Summe deutlich günstiger, als ein teures System für das Gesamtjahr vorzuhalten. Und selbst ein System, das weitgehend auf Grundlastkraftwerke basieren würde, müsste dann immer noch Spitzen abdecken können. Und CO2-frei ginge das nur mit sehr teuren Kernkraftwerken.
Deshalb sprechen viele Analysen dafür, dass ein flexibles, erneuerbares System langfristig günstiger ist – bei gleichzeitig höherer Resilienz.
Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie eine erneuerbare Energieversorgung rund um die Uhr das ganze Jahr über funktioniert? Die Sonderschau “Renewables 24/7” auf The smarter E Europe 2026 vom 23.–25. Juni zeigt, wie ein erneuerbares Energiesystem zuverlässig, wirtschaftlich tragfähig und flexibel betrieben werden kann. Im Mittelpunkt stehen reale Anwendungen aus Industrie, Gewerbe, Wohnen und Mobilität, die verdeutlichen, wie Erzeugung, Speicherung, Flexibilisierung und Digitalisierung ineinandergreifen und zusammenwirken. Besucher erleben technologische Innovationen, Best Practices sowie fundierte Einordnungen durch Experten.