Während Länder wie Norwegen oder die Niederlande als Vorreiter im Bereich Ladeinfrastruktur gelten, sind andere Länder stark am Aufholen.
Linda Boll, Country Director Germany bei FastNed, erläutert im Interview, welche Faktoren entscheidend sind, damit Elektromobilität auch länderübergreifend zuverlässig funktioniert: politischer Wille, klare Regulierung, geeignete Flächen und ein leistungsfähiges Stromnetz.
Europa befindet sich in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Länder wie Norwegen oder die Niederlande sind klare Vorreiter, während andere Staaten derzeit stark aufholen. Entscheidend ist dabei weniger der aktuelle Ausbaustand als vielmehr der politische Wille. Wo Regierungen das Thema konsequent priorisieren, lassen sich auch strukturelle Hürden überwinden.
Aus unserer Erfahrung lassen sich drei zentrale Erfolgsfaktoren identifizieren: erstens der Zugang zu geeigneten Flächen, zweitens ein paralleler und vorausschauender Ausbau der Stromnetze und drittens ein klarer, möglichst europaweit einheitlicher Regulierungsrahmen. Nur wenn diese drei Punkte zusammenspielen, wird grenzüberschreitendes Reisen mit dem Elektroauto zur Selbstverständlichkeit.
Ebenso wichtig sind sichtbare und verlässliche Ladestationen. Sie tragen maßgeblich dazu bei, Reichweitenängste abzubauen – häufig auch auf unbewusster Ebene – und stärken so insgesamt das Vertrauen in Elektromobilität.
Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Betreiber müssen Ladeinfrastruktur bereitstellen, die zuverlässig funktioniert, intuitiv bedienbar ist und ein positives Nutzererlebnis bietet. Gerade der erste Kontakt ist entscheidend: Wenn beim ersten Ladevorgang etwas schiefläuft, wirkt das stark abschreckend.
Gleichzeitig braucht es eine sachliche und positive Kommunikation aus Politik und Medien. In Deutschland ist das Verhältnis von Elektrofahrzeugen zu Ladepunkten im europäischen Vergleich sehr gut, der Ausbau erfolgt insgesamt vorausschauend. Dieser Punkt wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft unterschätzt.
Nachholbedarf besteht allerdings weiterhin entlang der Autobahnen, denn genau dort entscheidet sich, ob Langstreckenfahrten als alltagstauglich wahrgenommen werden.
Hier bremst mangelnder Marktzugang den Ausbau. Darunter leidet das Ladeerlebnis für Kundinnen und Kunden. Stand heute fehlt es noch an praktikablen Durchfahrts- und Stationskonzepten, wie Elektroautofahrerinnen und -fahrer sie von uns aus den Niederlanden kennen.
Der Preis ist ein zentraler Faktor, insbesondere in Deutschland. Wichtig ist jedoch, welche Dinge miteinander verglichen werden. Öffentliches Schnellladen ist nicht mit dem Laden zu Hause vergleichbar. Der Aufbau einer Schnellladestation ist kapitalintensiv, die Investitionen liegen oft im Millionenbereich und müssen über viele Jahre refinanziert werden.
Hinzu kommen Strompreise, Netzentgelte und regulatorische Rahmenbedingungen, die sich zwar aktuell positiv entwickeln, aber nicht direkt von den Betreibern beeinflusst werden können. Insgesamt sprechen wir über Infrastruktur, die für mehrere Jahrzehnte ausgelegt ist.
Auch der Wettbewerb spielt eine entscheidende Rolle. Wo es nur wenige Anbieter gibt, sind die Preise tendenziell höher. Umso wichtiger ist es, bereits bei der Vergabe von Flächen auf Vielfalt zu achten. Ein weiteres zentrales Thema bleibt die Intransparenz bei Ladekarten: Endpreise können deutlich vom direkten Ad-hoc-Preis abweichen, ohne dass für Verbraucherinnen und Verbraucher nachvollziehbar ist, warum.
Genau darin liegt eine der größten Herausforderungen der Branche. Technisch erhält man überall denselben Service, Unterschiede entstehen allein durch die Abrechnung. Dass identische Ladevorgänge je nach Zahlungsmittel unterschiedlich viel kosten, ist für Verbraucherinnen und Verbraucher schwer nachvollziehbar und untergräbt Vertrauen. Hier besteht klarer Handlungsbedarf.
Diese Vorteile sind real, aber nicht uneinholbar. Der Umbau bestehender Tankstellen zu reinen Ladehubs ist technisch und wirtschaftlich sehr aufwendig. In vielen Fällen entspricht er einem kompletten Neubau – inklusive neuer Netzanschlüsse und der Entsorgung alter Infrastruktur.
Serviceangebote wie Toiletten, Gastronomie oder Aufenthaltsräume gewinnen jedoch klar an Bedeutung. Deshalb entstehen zunehmend Ladepunkte mit integrierten Kiosk- oder Shopkonzepten, auch von uns. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass solche Angebote die Attraktivität und Nutzung deutlich erhöhen. In einigen Ländern geht die Entwicklung bereits hin zu vollständig elektrischen Raststätten.
Am Ende entscheidet das Gesamtpaket: Ladeleistung, Aufenthaltsqualität sowie Preis- und Abrechnungstransparenz. Die Ladeinfrastruktur selbst ist heute kein Hinderungsgrund mehr für Elektromobilität – auch nicht auf langen Strecken.
Die Zusammenarbeit ist sehr unterschiedlich und stark von lokalen Strukturen, Zuständigkeiten und einzelnen Akteuren abhängig. Kommunen spielen in mehreren Phasen eine zentrale Rolle: bei der Flächenbereitstellung, im Genehmigungsprozess und indirekt beim Netzanschluss.
Ein zentrales Problem ist, dass Bau- und Netzanschlussverfahren häufig nicht synchron verlaufen. Selbst wenn eine Fläche gesichert ist, kann sich der Netzanschluss über Jahre verzögern. Gründe können zum Beispiel ausgelastete Netze oder fehlende Kapazitäten sein. Das verdeutlicht, wie wichtig ein vorausschauender Netzausbau ist.
Ladeinfrastruktur ist dabei nur ein Baustein in einem hochkomplexen Gesamtsystem. Umso wichtiger ist es, Prozesse besser zu verzahnen und langfristiger zu planen.
Vielen Dank, Frau Boll!